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Mittwoch, 16. Januar 2013

Der "permanente Krieg" und seine Hintergründe in Mali

Ein Krieg zieht den nächsten hinterher. Wann lernt die Welt endlich, dass Krieg nur neuen Krieg erzeugt? Friedensforschung und Friedenspolitik setzt nicht erst ein, wenn ein Konflikt ausgebrochen ist. Sondern er VERHINDERT Konflikte, indem er potentielle Konfliktgründe frühzeitig erkennt und entsprechend zivile Krisenprävention betreibt. Das wäre auch in Mali richtig gewesen, aber wie überall auf der Welt setzt man auf Lösungen von Konflikten mit Gewalt. Vielleicht, weil zivile Konfliktprävention weniger Profite versprechen? Hier der Bericht eines Journalisten, der wirklich vor Ort in Mali war und die Situation besser kennt als die deutschen Massenmedien. May Ying Welsh ist Korrespondentin für Al Jazeeras englischen Kanal und berichtete aus dem Norden Malis. Sie arbeitet derzeit an einer Dokumentation über den Konflikt. In einem Interview mit Amy Goodman sagte sie Folgendes (1):

„Wissen Sie, ich denke eine wichtige Tatsache ging verloren in dem ganzen Gerede über Al-Kaida und die Mudschaheddin und das ist die Art wie und der Grund warum der Konflikt überhaupt erst begann. Der Konflikt begann mit einer Bewegung säkularer Tuareg Separatisten, die sich erhoben hatten und einen unabhängigen Staat forderten und dann 2/3 von Malis Gebiet übernahmen, weil sie dies als ihr Gebiet ansahen. Sie wurden bei dieser Operation von einigen anderen Tuareg-Gruppen unterstützt, die eher religiös motiviert waren, und ebenso von Al-Kaida des Islamischen Maghreb sowie einigen anderen Akteuren. Und so entstand eine Art von Allianz, nicht der Willigen, sondern der Unwilligen, die das Gebiet übernahm. Und von diesem Zeitpunkt an, versuchte Al-Kaida und die Mudschaheddin die nördlichen Städte in Mali von den Tuareg-Separatisten zu übernehmen. Deshalb liegt der Vorgeschichte des ganzen Konfliktes darin begründet, dass die Tuareg im nördlichen Mali einen Staat für sich beanspruchen, was eine sehr alte Forderung ist, die bis ins Jahr 1963 zurück geht, als die erste Rebellion der Tuareg stattfand.

Ich denke man muss außerdem erwähnen, dass Frankreich äußerst wichtige wirtschaftliche Interessen hier hat, vielleicht weniger In Mali selbst, aber im benachbarten nördlichen Niger, eine Region, die ebenfalls von Tuareg bevölkert wird. Und diese ganze Region des nördlichen Mali und nördlichen Niger ist ein Gebiet, das reich an Uranvorkommen ist. Aber es ist Tuareg-Gebiet. Und es sind Tuareg, die von einem ins andere Land hin und her ziehen. Und wenn man einen Tuareg-Aufstand in Mali hat, wird der sich auf den Niger ausweiten, wenn man einen im Niger hat, wird der automatisch auf Mali übergreifen, denn das ist wirklich ein einziges Volk dort. Und die Tuaregs haben bereits eine Art Nationalbewusstsein. Man kann sie vielleicht mit den Kurden vergleichen. Sie sehen sich selbst als EIN Volk an, egal ob sie in der algerischen Sahara, der Libyschen Sahara oder der zu Mali oder den Niger gehörende Teil der Sahara leben. Für sie ist das einfach ihre Heimat.

Wie Sie wissen, hat Frankreich ein großes wirtschaftliches Interesse am nördlichen Niger. Dieses Gebiet ist eines der Gebiete mit den größten Uranvorkommen der Erde. Frankreich produziert 75% der Elektrizität aus Atomkraft, und Kernwaffen sind eine der wichtigen französischen militär-industriellen Geschäftsfelder. Ich glaube dass Uran, der Uran aus dem Niger, einer ehemaligen Kolonie Frankreichs, der Schlüssel für die wirtschaftliche Entwicklung Frankreichs war. Ich glaube, dass Frankreich die Atomindustrie auf dem Rücken des für sie sehr billigen Urans aus dem nördlichen Niger überhaupt erst so erfolgreich entwickeln konnte. Übrigens ist der Niger einer der drei ärmsten Nationen der Welt, folgt man den Zahlen des UN-Menschenrechts-Entwicklungs-Indexes. Der Niger hat also eines der wichtigsten Energieressourcen der Welt, bleibt aber eines der Ärmsten Länder der Welt. Nord-Mali hat auch große Uran-Vorkommen, und die ganze Gegend ist bereits in Explorations-Konzessionen aufgeteilt und eine ganze Reihe von Firmen warten nur darauf, dorthin zu gehen. Außerdem gibt es übrigens Gold und Öl in der Region.
{Schaltung}
Tuareg Rebellen trainierten in Gao um ihren ausgerufenen Staat zu verteidigen. Wer konnte ahnen, dass sie innerhalb weniger Tage mit Gewalt aus ihrer Basis vertrieben werden würden, und dass ihr neuer Präsident, der gerade erst zum Staatsoberhaupt ernannt worden war, angeschossen (2) und außer Landes gebracht werden würde? Rebellen, die von Al-Kaida unterstützt wurden, vertrieben die Tuaregs aus ihren Haupt-Stützpunkten im nördlichen Mali, weil sie hofften, Pläne für einen Azawad-Staat realisieren zu können. Jetzt beherrscht Al-Kaida und seine Verbündeten die Städte der Region. Als Al Jazeera die Stadt Gao verließ, näherten sich gerade Kämpfer der Einheitsbewegung und Jihad in West Afrika. Sie übernahmen die Eingangsstraßen der Stadt und kontrollierten den ein- und ausgehenden Verkehr.
In Timbuktu kontrolliert der Al-Kaida Ableger Ansar Dine die Stadt vollständig. Dort wachen Sie über das islamische Alkoholverbot, Ehebruch und andere Verstöße gegen die Scharia. Hier verbündeten sich Kämpfer aus Algerien und Mauretanien mit den Mudschaheddin aus der Sahel-Zone. Und Ansar Dine erklärte Al Jazeera, dass sie diese Mudschaheddin niemals aufgefordert hätten, das Gebiet zu verlassen.

… Aus ihrem Versteck in einer anderen nördlichen Stadt erklärten Tuareg-Rebellen, dass die Al-Kaida-Rebellen nur Stellvertreter von Mali und Algerien wären, und dass sie diese Benutzen würden, um die Tuareg-Gemeinschaft zu isolieren und das Entstehen eines eigenen Staates zu verhindern.

Die Tuaregs sind nun zersplittert, versuchen sich neu zu gruppieren. Sie haben keine Logistik und keine High-Tech-Waffen wie ihre Gegner, und nicht die hunderte von Millionen an Bargeld, die Al-Kaida aus Entführungen erpresst hat. Was sie lediglich haben ist ein scheinbar nicht enden wollender Zulauf von jungen Männern die bereit sind für ihre Sache zu sterben. Und ihre Sache ist der 50-jährige Kampf um Selbstbestimmung der Eingeborenen der Sahara.

… Abu Bakr (phon.) wanderte zwei Tage nach Timbuktu, um seine Schafe dort zu verkaufen. Er ist erschöpft und hungrig, und ebenso geht es seinen Tieren. Sie sind fast nicht mehr in der Lage auf den Beinen zu stehen. Aber der Marsch stellt seine eigene Hoffnung dar, Geld zu bekommen, um Nahrungsmittel kaufen zu können. Auf dem Markt in Timbuktu hoffen die Bauern ihre Tiere verkaufen zu können, bevor sie sterben. Hier löscht die Trockenheit ganze Herden aus, und tausende von Menschen hängen von diesen Tieren ab. Sie werden nun Hunger leiden müssen.
 {May Aing Welsh wird nun nach der Rolle der USA befragt.}
Nun es ist richtig, dass ein großer Teil der Kämpfer mit dem Konflikt begannen, als sie aus Libyen zurück kamen. Tuaregs haben sich schon seit Jahrzehnten gegen ihre Regierungen in Mali und Niger erhoben. Und seit langer Zeit, seit den 1980er Jahren hatte Muammar Gaddafi ihnen einen Platz in seiner Armee eingeräumt und ihnen Militärlager in Libyen zur Verfügung gestellt. Also gingen viele zu ihm in der Hoffnung der eigenen Sache helfen zu können, endeten dann aber in seiner Armee. Als Gaddafi fiel, gingen sie zurück nach Mali und in den Niger, einige von ihnen schwer bewaffnet, und wie sie wissen, nun in einer verzweifelten Lage. Und dort nahmen sie ihren Kampf um Unabhängigkeit wieder auf. Also ich glaube, dass der Fall von Gaddafi in Libyen wie ein Katalysator für den Konflikt wirkte, den wir nun in Mali sehen.

Wenn Sie etwas über die US-Einflussnahme in Mali wissen wollen, kann ich Ihnen sagen, dass die USA Mali und den Niger und andere Staaten mit so genannten Anti-Terror-Hilfelieferungen hilft. Jedes Jahr fließen Millionen und Aber-Millionen von Dollars in Ausrüstung und Ausbildung und in andere graue Zonen, um Al-Kaida und die Islamistische Bewegung des Maghreb zu bekämpfen. Und wissen sie, ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die für die Regierung Malis gearbeitet haben, und die mir erklärten, dass die Hilfe, die die USA sandte, um angeblich Al-Kaida zu bekämpfen in Wirklichkeit dazu verwandt wurde, die Tuareg-Rebellion im Norden zu bekämpfen. Eine Rebellion, die immer wieder aufflammte und niemals vollständig erlosch.

Ich hoffe, dass die Menschen, wenn sich der Konflikt etwas beruhigt hat, endlich begreifen, welche Fehler durch die bisherige Regierung in Mali und ihren Unterstützern in den USA und der EU gemacht wurden, und dass sie auch einmal das unglaubliche Ausmaß an Korruption und Missbrauch von Materialien ansprechen werden, das sie dorthin lieferten.

Wie Sie vielleicht wissen, gibt es ernsthafte Vorwürfe, dass selbst aus dem benachbarten Niger, der ehemalige Präsident selbst in ein Geschäft mit Al Kaida verwickelt war, in dem massive Lösegelder eine Rolle spielten, die von europäischen Regierungen gezahlt worden waren, um westliche Geiseln loszukaufen. Die Verhandlungen waren unter der Aufsicht Malis geführt worden. Und einer der Hauptverhandlungspartner war Lyad Ag Ghaly, der derzeit der Kopf von Ansar Dine ist, und er war enger politischer Berater des ehemaligen Präsidenten. Dieser Mann ist derzeit der Anführer der Mudschaheddin die jetzt gerade Konna angreifen. Sie haben die Krise vorbereitet, in der Frankreich nun interveniert.

Also ich glaube dass da dringend einige Fragen gestellt werden müssten. Was war die Rolle der Regierung Malis in der Entstehung dieser Krise und was trugen die Vereinigten Staaten und die EU dazu bei, dass sie überhaupt entstehen konnte?
... Also Frankreich brachte Malis Süden und Norden erst zusammen, und man braucht Frankreich, damit der Staat zusammen bleibt. Warum ist die Armee Malis unfähig, den Norden zu kontrollieren? Warum liefen so viele Arabische und Tuareg-Offiziere über? Und warum führen diese nun die Armee im Norden an? Warum verschwanden so viele Offiziere einfach spurlos? Wissen Sie, das hier ist eine wirklich wichtige Frage, warum die Armee Malis es so schwer hat.

Bis es für die Menschen im Norden endlich Investitionen gibt, bis sie sich wirklich als Teil Malis fühlen, bis der Norden entwickelt sein wird und es wirkliche Demokratie geben wird, statt Korruption, die Ermächtigung bestimmter Einzelpersonen, statt die staatliche Förderung von Drogenschmuggel und alle Formen der Kontrolle der Bevölkerung, … bis sie spüren würden, etwas zu profitieren, wenn sie spüren würden, dass Demokratie entsteht … dann gäbe es vielleicht nicht die massiven Überläufe von arabischen und Tuareg-Offizieren, weshalb die Armee nicht in der Lage ist den Norden zu kontrollieren. Ich glaube … entweder muss es eine Art Autonomie oder eine Abspaltung geben. Entweder also echte Demokratie und wirkliche Inklusion, oder Mali wird niemals ein vereinigter Staat sein."
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(1) http://www.democracynow.org/2013/1/15/admin_aids_french_bombing_of_mali

(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Bilal_Ag_Acherif

Heutiger Artikel in "Neues Deutschland" zu dem Thema:
http://www.neues-deutschland.de/artikel/810028.keine-bundeswehr-in-mali.html
Artikel in Telepolis
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38365/1.html
Tagesschau:
http://www.tagesschau.de/ausland/mali120.html
Junge-Welt Kommentar:
http://www.jungewelt.de/2013/01-16/039.php

Kommentare:

  1. Entschuldige mal - was soll das denn sein?
    Du schmeisst hier genau EIN Interview hinein, dessen Tenor zufällig genau Deiner Meinung entspricht und nennst das dann "die Hintergründe"?
    Keine Quellen aus dem Krisengebiet selbst? Nur eine einzelne, westliche Krisenreporterin?

    Markierst ein paar Deiner Geisteshaltung gefällige Worte und machst sie damit zum - deiner Meinung nach - "wahren" Grund eines langen, langen Konfliktes?

    Wirklich?

    Dann lass dir eins gesagt sein: das ist genau so eine scheinheilige, eingegrenzte Weltsicht wie die, die Du den "Massenmedien" (für die Mrs.Welsh und AlJazeera übrigens genauso stehen) unterstellst. Eine verkürzte, unqualifizierte Meinung nach dem Motto "ich muß aber unbedingt zu allem etwas sagen". Auch wenn es noch so wenig Inhalt hat.



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  2. Danke, dass du so hohe Ansprüche mit diesem Blog verbindest. Aber das hier ist ein privater Blog, kein Teil der "meinungsführenden" Medien.

    Ich wiederhole außerdem hier nicht, was sowieso schon in deutscher Sprache massenweise verbreitet wird. (Siehe Kopfzeile) Wenn ich von "Hintergründen" rede, dann meine ich natürlich nicht die kompletten Hintergründe, weil die kann man kaum in einem Blog abdecken.

    In absehbarer Zeit werde ich einen längeren Blogbeitrag über Mali schreiben, der enthält dann wieder mehrere Dutzend Links, aber auch hier werde ich vermutlich darauf verzichten, die Mainstream-Darstellung ausführlich wieder zu geben. Ich will eben das schreiben, was man sonst nicht liest, nicht das, was man in den deutschen Medien sowieso lesen kann.

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