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Dienstag, 24. Juli 2012

Rohingya: Ein Volk wird vernichtet und der Westen applaudiert

Wenn der Spiegel über die „Verjagung eines ganzen Volkes“ berichtet (1) dann ist es meist längst zu spät und alternative Medien in Asien und Amerika haben seit Monaten, wenn nicht Jahren dagegen geschrieben, ohne dass sich ein Finger der Unterstützung im Westen geregt hätte. Auch in meinem Blogbeitrag vom 1. Mai (4) hatte ich vor diesem potemkinschen Dorf der Scheindemokratie in Myanmar bzw. Burma, gewarnt, mit Worten, die ähnlich zu denen sind, die man jetzt zwei Monate später im Spiegel lesen kann. Der indirekte Genozid, der durch die ständige Vertreibung der Rohingya Flüchtlinge von einem Land zum anderen und schließlich aufs offene Meer ohne Wasser und Nahrung oder Treibstoff (wie von der thailändischen Marine praktiziert) organisiert wird, wird sogar vom Westen unterstützt. Unterstützt durch Militärhilfe, Wirtschaftshilfe, Investitionen und bevorzugte diplomatische Beziehungen.

Ausgerechnet das noch ärmste Land der Region, Indonesien erbarmt sich der Flüchtlinge, falls sie es bis dorthin geschafft haben und gewährt Ihnen Aufenthaltsrecht. Vielleicht weil es Muslime sind, vielleicht weil der Weg so weit ist, dass wenig Gefahr besteht, dass es zu einem Flüchtlingsstrom kommen wird. Alle anderen Länder in den so genannten ASEAN-Ländern schieben die Flüchtlinge hin und her und schließlich aufs offene Meer, auch der Muslimstaat Malaysia. Das „Verklappen“ der Rohingya, die als Bootsflüchtlinge z.B. nach Thailand kommen, wird dort seit den 1980er Jahren praktiziert.

Aus Thailand lässt man 2009 einen Oberst Manat erklären (2), dass die Rohingyas kein Problem mehr darstellen würden, und die Medien drehen sich um und gehen. Dabei war es jener Oberst Manat Khongpaen, der schon mal im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stand, als er der Verantwortliche war, der hunderte von Rohingyas aufs offene Meer ohne Nahrung und Wasser gezogen hatte. Ein Verbrechen, das lange geleugnet worden war, bis Dan Rivers von CNN darüber berichtete. Es war jener Oberst Manat, der für das Massaker an Krue Sae Moschee verantwortlich war, über den die ASIAN HUMAN RIGHTS COMMISSION schrieb:

"Die Asian Human Rights Commission (AHRC) ist erfreut, Ihnen mitzuteilen, dass ein Gericht in Thailand drei Offiziere, die als verantwortlich für die Ermordung von 28 Personen in der Krue Se-Moschee am 28. April 2004 gelten, identifiziert hat. Das Gericht, in einer post-mortem-Untersuchung, öffnet nun den Weg für eine Anklage gegen die drei. Allerdings, ist Ihre Hilfe notwendig, um zu sehen, dass die Polizei und Staatsanwaltschaft ihre Arbeit tun, besonders zu dieser Zeit, da die Behörden in Thailand von dem Militär eingeschüchtert werden. Inzwischen, trotz dem Verzicht einer Anklage gegen 58 unschuldige Personen, in dem berüchtigten Tak Bai Fall, wurden noch keine Urteile, gegen die militärischen und staatlichen Beamten, die für die Todesfälle in Haft und andere grobe Misshandlungen verantwortlich sind, gefällt. ..
Die Untersuchung begannen im November 2004, im Gerichtshof der Provinz Pattani , und wurde im September 2006 abgeschlossen. Am 28. November 2006 hatte der Richter festgestellt, dass von den 32 Personen vier, von der Polizei in einem Kampf an einem Kontrollpunkt, getötet wurden. Doch die restlichen 28 Personen seien geflohen, um sich im Inneren der Krue Se-Moschee zu verstecken und waren nur mit Messern bewaffnet. Das Militär stürmte später die Moschee und tötete alle 28 Personen. Eine vollständige Liste der Opfer folgt. Es wurde weithin berichtet, dass sie im Stil einer Exekution getötet wurden. Die drei Verantwortlichen für die Morde sind:

     1. Pallop Pinmanee
     2. Oberst Manas Kongpan
     3. Oberstleutnant Tanaphat Nakchaiya
„ "
Müssig zu erklären, dass es keine Gerichtsverfahren, sondern Beförderungen gab, nachdem jener Oberst Manat auch wieder eine Rolle bei der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 2009 und 2010 gespielt hatte. Es ist jener Oberst Manat, der über Jahre auch geschätzter Gesprächspartner der US-Offiziere war. Jener Macht, die nicht nur Milliarden Dollar Armeehilfe an Thailand zahlt, sondern auch jährliche gemeinsame Manöver durchführt. Und eine spezielle Scharfschützeneinheit aufgebaut hat. Eine Einheit, die berühmt wurde für ihre Präzisionskopfschüsse während den Demonstrationen im Jahr 2010. Der überwiegende Teil der Toten war durch Kopfschüsse mit Hochgeschwindigkeitsgeschossen zu beklagen gewesen. Wie durch ein Wunder überlebten einige Demonstranten und stellen heute bei Demonstrationen ihren Kopf als lebendes Mahnmal zur Verfügung.

Spätestens seit der preisgekrönten Dokumentation von Dan Rivers im Jahr 2009 (3) weiß die Welt, dass in Südostasien ein systematischer Völkermord begangen wird. Aber niemand sagt etwas, niemand steht auf und demonstriert, boykottiert oder droht sogar Krieg an.

GUTE GESCHÄFTE GEHEN VOR

Das Verklappen, Abschieben, Inhaftieren unter unwürdigsten Bedingungen der Rohingya Flüchtlinge in Südostasien wird von Thailand mit besonderer Effizienz verfolgt, aber die anderen Länder stehen dem wenig nach. Und in ihrer Heimat Birma, das von seinen Diktatoren in Myanmar umbenannt wurde, werden sie nun, wie nicht nur der Spiegel berichtet, systematisch aus dem Land getrieben, was für viele der sichere Tod bedeutet.

Die Führungsclique in Birma / Myanmar ist ganz besonders rücksichtslos gegenüber dem eigenen Volk. Als im Jahr 2008 der Wirbelsturm Nargis ganze Landstriche verwüstete, verhinderte die Junta Hilfsleistungen des Auslandes, wodurch nach Expertenschätzungen die Zahl der Opfer verdoppelt wurde. Am Ende beklagten Menschenrechtler den Tod von 80.000 bis 100.000 Menschen. Die Junta ließ sogar vom Ausland versorgte Flüchtlingslager räumen. „Sie können nach Hause gehen und von Fröschen leben, die kennen das“ erklärten die Soldaten gegenüber den verzweifelten Helfern.

Die Entspannung begann mit den üblichen Schauspielertricks, mit denen auch in Thailand gearbeitet wurde. Man gibt sich eine Verfassung, die zwar alle Macht dem Militär belässt, aber immerhin ist es eine Verfassung. Und man hält Wahlen ab, und dabei achtet man darauf, dass die Bedingungen so sind, und die Abstimmungsergebnisse sicher gestellt sind, dass die gewünschten Repräsentanten die Macht im Staat erhalten. Nämlich jene, die vorher das Land als Diktatoren beherrschten. Und schon fließen Investitionen, Hilfen, schon blüht der Handel. Und nicht nur wie vorher mit den ASEAN-Ländern, China und Indien, sondern nun mit den Ländern wie Deutschland, USA usw., die gierig in das Land strömen und ihren Teil vom Kuchen haben wollen. Und irgendwann, wenn das Vermögen des Landes eindeutig zugewiesen wurde, dann lässt man auch etwas Demokratie zu. (5)

DOPPELZÜNGIGKEIT DES WESTENS

Die ASEAN-Region ist wirtschaftlich wichtig für den Westen. Dort kämpft der Westen gegen den Einfluss Chinas, das dort versucht mehr und mehr hegemoniale Macht auszuspielen. Allerdings tut sie das nicht wie die USA in Südamerika, sondern subtil und leise. Mit Hilfgütern, dem Bau von Infrastruktur, die China mit der Region immer enger verbindet, mit Einwanderern, mit dem stillen Kauf von Beteiligungen und Firmengründungen. Mit Militärhilfe usw. Und hier glaubt der Westen gegen steuern zu müssen und drückt nicht nur ein Auge, sondern sämtliche Augen zu. Nicht zuletzt auch unter dem Druck der westlichen Unternehmen, die in den ASEAN-Ländern nicht nur die billigsten und trotzdem motiviertesten Arbeiter vorfinden, sondern gleich auch einen rasant wachsenden lokalen Markt.

Über die Menschenrechtsvergehen in den Ländern Myanmar, Laos, Thailand, aber auch Kambodscha und Malaysia lassen sich Bände füllen. In Scharmützeln gegeneinander wird auch schon einmal Streumunition aus französischer Produktion unter den aufmerksamen Augen von US-Beratern „ausprobiert“. Und hier findet sich nach wie vor das neben Afghanistan wichtigste Anbaugebiet für Opium. Nur um ganz wenige Dinge zu nennen, die man kaum in Ferienprospekten lesen wird.

Die 800 Rohingyas, die 2009 auf hoher See „vermisst“ wurden sind nur die Spitze eines riesigen Eisberges. Eines Eisberges, der aber unter Diplomaten und Menschenrechtlern sehr wohl bekannt ist. Und gegen den trotzdem nichts unternommen wird.

FAZIT:

Wir schauen nach Syrien und lassen uns von den Medien ein Feuerwerk an gefälschten und korrekten, von uns nicht mehr kontrollierbaren Informationen vorführen, und beschließen, dass dort ein „Böser“ herrscht, der „weggebombt“ werden muss. Derweil führen dutzende Länder Krieg gegen die eigene Bevölkerung, ohne dass wir auch nur einen Finger krümmen. Derweil verhungern Menschen in Katastrophengebieten Afrikas, ohne dass uns das nennenswert kümmert. Anscheinend liegt uns Krieg führen mehr im Blut als wirkliches helfen wollen. Denn in vielen Fällen müsste der Westen keinen Krieg führen, sondern könnte alleine auf Grund seines Einflusses Änderungen erreichen. Aber möglicherweise würde man dann gewisse Interessen gefährden?

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(1) http://www.spiegel.de/politik/ausland/burma-gewalt-gegen-die-minderheit-der-rohingya-a-845017.html

(2) http://www.thailandoutlook.tv/tan/ViewData.aspx?DataID=1022337

(3) http://www.prcenter.de/CNN-Dokumentation-ueber-die-Rohingya-Fluechtlinge-in-Thailand.42970.html
http://edition.cnn.com/2009/WORLD/asiapcf/06/03/thailand.refugees.documentary.cnn.award/index.html

(4) http://jomenschenfreund.blogspot.de/search/label/Birma

(5) Übrigens hat der König von Thailand die alleinige Verfügungsgewalt über ein Vermögen von ca. 35 Milliarden US-Dollars und gilt damit als der reichste Monarch der Welt. http://wirtschaft.t-online.de/-forbes-liste-thailands-monarch-ist-der-koenig-der-koenige/id_15962786/index

Anmerkung: Myanmar ist der neue Name des Landes. Birma der alte deutsche Name. Der Spiegel benutzt den englischen Ausdruck Burma, der sich auch im deutschen Sprachgebrauch immer mehr durchsetzt.

Kommentare:

  1. Danke für diesen Beitrag.
    Gibt es möglichkeiten etwas von hier aus, für die Menschen zu tun? Fühle mich so hilflos. kann man spenden oder demonstrieren

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  2. Ich weiß nicht, ob ich zu Spenden raten soll, weil ich die Organisationen nicht wirklich kenne (z.B. http://www.islamicrelief.de/meldungen/myanmar-islamic-relief-ruft-zum-beenden-der-kaempfe-auf/) Inzwischen werden Flüchtlinge auch in Indonesien gesucht und verhaftet.

    Das Problem ist nicht Geld, sondern das Problem ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die durch Medien einseitig z.B. auf Syrien gelenkt wird, während an anderer Stelle schlimmere Verbrechen begangen werden. Verbrechen die wir ohne Krieg zu führen verhindern können! Und doch rührt niemand einen diplomatisch ernst zu nehmenden Finger. Statt dessen werden bei uns die Kriegstrommeln geschlagen als ob wir im Kaiserreich wären. Und ich Frage mich, wem das in Wirklichkeit nützt.

    Ein Eintreten für die Rohingyas nützt niemanden. Deshalb tut es auch niemand. Das ist das Hauptproblem. Die Öffentlichkeit für diese Tatsache zu sensibilisieren wäre eine wichtige Aufgabe.

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