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Montag, 2. Oktober 2017

"Finis Germania" eine etwas andere Rezension

Meine Rezension war bei Rubikon erschienen, wurde dann aber nach wenigen Tagen wieder vom Netz genommen, weil der Artikel nicht den handwerklichen Anforderungen entsprach. Leider habe ich weder Publizistik noch Germanistik studiert, und so führten auch Änderungen nicht zu einer ausreichenden Qualität. Ein vollkommene Veränderung wäre aber nicht mehr mein Artikel, daher erscheint er nun hier in meinem Blog.


Ich hätte das Buch vermutlich nie gelesen, wäre es nicht durch den Spiegel zensiert worden. Als das Buch dann endlich mit der Post eintraf, war ich jedoch zunächst nicht durch den Inhalt überrascht. Beim Auspacken erinnerte es mich wegen seiner Kleinheit zunächst an eines jener Reclamheftchen, nur dass das Buch ein Hardcover hatte. Aber schon nach den ersten Seiten war ich vor allem von der Andersartigkeit der inhaltlichen Herangehensweise dieses Buches fasziniert. Der Autor versuchte nicht, seine Ausführungen mit Zitaten Anderer zu belegen. Er versuchte auch nicht, Aussagen argumentativ zu untermauern, zu beweisen oder zu begründen. Im Grunde schien er sich an sich selbst zu wenden. Es war wie ein Selbstgespräch, eine kommunikative Form, bei der naturgemäß wenig Wert darauf gelegt zu werden braucht, den Adressaten zu überzeugen. Als Leser war ich also von Beginn an gefordert, Sieferles Aussagen mit eigenen Erfahrungen, Eindrücken und Kenntnissen abzugleichen. Und dabei erschienen schon die ersten Seiten des Buches als Aufschrei des Protestes gegen die Selbstgefälligkeit der so genannten Elite.


Sieferle beginnt mit einer Kritik der historischen „Rechtsprechung“, d.h. der Bewertung von faktisch nicht wiederholbaren Verbrechen, lässt sich dann kritisch über die heutige „Elite“ aus, was man fast als Trauer um aristokratische bzw. monarchistische Führung auslegen könnte, lässt sich besonders über seiner Meinung nach heuchlerische Moralbegriffe aus. Sein Text zum Modernismus mündet in eine Kritik des Konsums. Sieferle greift dann den Begriff der Erbschuld auf, um ihr dann die Eigenschaften einer „Religion“ zuzuweisen, und wie man sich andererseits durch „Antifaschismus“ moralisch davon abgrenzen kann, was mich an Ablassbriefe der Katholiken im Mittelalter denken ließ. Doch nun zu den Einzelheiten. Im ersten Kapitel übt Sieferle zunächst grundsätzliche Kritik an der Geschichtsschreibung.

Wenn Deutschland zu den fortgeschrittensten, zivilisiertesten, kultiviertesten Ländern gehörte, so könnte „Auschwitz“ bedeuten, dass der humane „Fortschritt“ der Moderne jederzeit in sein Gegenteil umschlagen. So hätte jedenfalls eine skeptisch-pessimistische Lehre aus der Vergangenheit lauten können. Die übliche Vergangenheitsbewältigung ging jedoch ganz andere Wege“ (Seite 7,8)

Implizit schimmert hier sein Pessimismus durch. Angesichts der ungeheuren Grausamkeiten in Hiroshima und Nagasaki und den unendlichen Kriegen nach Beendigung des 2. Weltkrieges, erkennt man Sieferle als einen Menschen, der nicht die Ungeheuerlichkeit von Auschwitz leugnet oder in Frage stellt, sondern die eben NICHT daraus gezogene Lehre, dass der „Fortschritt“ keine Versicherung ist, dass Ähnliches nicht wieder passiert.
Dann aber folgt, am Beispiel der Aburteilung von Politikern der ehemaligen DDR, eine methodenkritische Reflexion:

„Der gestürzte totalitäre Politiker dagegen, mehr aber noch sein Handlanger, findet sich in einer Welt wieder, in der alles, an das er einst geglaubt hat, in Trümmern liegt. Vor ihm braucht niemand mehr geschützt zu werden, nicht einmal er selbst. Hier könnte man sich daher Milde und Nachsicht leisten. Wenn dies nicht geschieht, wenn er gar mit einer schärferen Behandlung zu rechnen hat, die mit Verstoß gegen das Rückwirkungsverbot von Strafgesetzen oder mit Verlängerung von Verjährungsfristen sogar hart an die Grenzen  des Rechtsstaats geht, wo wird gerade darin deutlich, wie untauglich eine Reduktion der Geschichte auf die Kategorien des Strafrechts ist. (…) Das große Spiel wird anhand von Regeln beurteilt, die nur für das kleine Spiel entworfen worden sind.“ (Seite 17)

Sieferle will klar machen, dass nach seiner Meinung Verbrechen, die aus strukturellen Gründen nicht wiederholbar sind, anders beurteilt werden müssten, als solche, vor der man die Gesellschaft schützen muss. Wenn die Gefahr nicht besteht, dass eine Tat wiederholt wird, müsste seiner Meinung nach die Tat geringer bestraft werden.

Er übersieht dabei, dass es natürlich nicht nur um Prävention und Resozialisierung geht, sondern um Vergeltung und Genugtuung für Opfer. Bei Bestrafung geht es auch darum, den Opfern Genugtuung zu verschaffen. Dieser Gesichtspunkt schwächt die Begründung von Sieferles These ab, dass Verbrechen oft selbstgeißlerisch als solche der Gesellschaft und nicht des Individuums angesehen werden. Da politische Verbrechen größere Opfer mit sich bringen, muss durch das Urteil demzufolge auch mehr „Genugtuung“ erzeugt werden. Andererseits muss man feststellen, dass zu der Annahme der fehlenden Verantwortung des Einzelnen für seine Taten durchaus eine Tendenz besteht, die sich in der Rechtsprechung der letzten Jahre verstärkt manifestiert hat und bei einem immer größeren Teil der Bevölkerung auf Unverständnis stößt.

Kritik an der Elite

Sieferle erklärt die seiner Meinung nach bestehenden Unterschiede in den elitären Strukturen der herrschenden Klassen in verschiedenen Ländern und Kulturen.

„In kultureller Hinsicht ist Deutschland daher ein ungeheuer egalitäres Land, in dem es zwar Arme und Reiche, Mächtige und Ohnmächtige gibt, nicht aber eine herrschende Klasse, die diesen Namen verdient.“ (Seite 24)

Er glaubt also, dass es gar keine „herrschende Klasse“, sondern polyarchische Strukturen mit unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten gibt.
An dieser Stelle würde ich heftig widersprechen. Aus meiner Sicht gibt es in Deutschland eine herrschende Klasse, bestehend aus einem Establishment, in das man nicht durch Geburt, sondern durch gleiche Denkstrukturen, erlernt in Schule, Universitäten, Clubs, Freundeskreisen, Jobs und durch entsprechende Taten aufgenommen wird.

Aber zunächst lese ich weiter, wie er sich über den „Sozialdemokratismus“ (Begriffe in Anführungszeichen zitieren Sieferles Ausdrücke), also die Angleichung des durchschnittlichen Lebensstandards in allen Regionen des Landes, äußert.

„Wie neidisch schaut man von Liverpool nach London, von Buffalo nach Dallas? Die ‚Angleichung der Lebensverhältnisse‘ scheint ein deutscher (oder ein nordwesteuropäischer) Traum zu sein, der hierzulande in einer Intensität gelebt wird, die angesichts der globalen Wirklichkeit hin und wieder Kopfschütteln erzeugen könnte (…) Bisher glauben sie noch [die Deutschen], es seien nur Nivellierungen nach oben möglich; vielleicht wird sie eine Wirklichkeit, die nur noch Nivellierungen nach unten gestattet, schließlich eines Besseren belehren?“ (Seite 28)

Sieferle kritisiert den Versuch der Politik, innerhalb Deutschlands allen Regionen gleiche Teilhabe am Wohlstand zukommen zu lassen. Eine Politik, die natürlich auch in anderen Ländern zu beobachten ist, und die nichts mit „Nivellierung“ zu tun hat, die eine unfaire Verteilung bedingen würde. In diesen Absatz könnte man Sieferle als Verfechter eines Sozialdarwinismus sehen, weil er die Solidarität innerhalb einer Gesellschaft, mit dem Versuch, allen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Mindestmaß an Teilhabe zukommen zu lassen, als „Sozialdemokratisierung“ ablehnt.
Im nächsten Unterkapitel „Moralische Arithmetik“ schreibt Sieferle dann über zwei Apfeldiebe, aber nach wenigen Sätzen ahnt man, dass hier von der Schuld Deutschlands und der anderer Länder die Rede ist.

„Fritz hat dem Iwan zehn Äpfel gestohlen, Iwan dem Fritz aber nur vier Äpfel. Nun kommt ein Aufrechner und sagt: ‚Nicht nur Fritz ist ein Dieb, sondern auch Iwan. Man müsste eigentlich von den zehn Äpfeln, die Fritz gestohlen hat, die vier von Iwan gestohlenen abziehen‘“ (Seite 33)

Zwei Diebe bestehlen sich gegenseitig, und die Schuld des größeren Diebes soll durch ein Verrechnen der gestohlenen Werte verringert werden. Er beschreibt dann, wieso gen. Moralisten argumentieren, und hier wird deutlich, was und wen er meint:

„Aber der Moralist ist auch hier um keine Antwort verlegen: ‚Das Verbrechen des Fritz ist unendlich groß. Von einer unendlichen Größe kann man aber jeden beliebigen Betrag abziehen, und sie bleibt doch unendlich. Daher wird die Schuld des Iwan tatsächlich durch Verschweigen getilgt, während die Schuld Fritzens für alle Zeiten vollständig erhalten bleibt.‘“ (Seite 34)

Er lässt den Leser dann selbst entscheiden, ob  er der Argumentation eines neutralen Beobachters folgt, der in den Regeln der „moralischen Arithmetik“ eine merkwürdige Logik erkennt, oder den Argumentationen des „Moralisten“, des Vertreters der Meinung, dass die größere Schuld, da unendlich, für immer unendlich bleiben muss. Mancher Leser mag hier in einen inneren Zwiespalt geraten. Auch ich mochte mit dem Buch zunächst pausieren, weil doch der Überlegung des neutralen Beobachters mehr Moral innewohnt als der Argumentation des „Moralisten“. Tatsächlich aber wäre aus ethisch moralischer Sicht eine Betrachtung zu fordern, bei der sowohl Fritz für den Diebstahl von 10 Äpfeln, als auch Iwan für den Diebstahl von 4 Äpfeln, wenn es denn ein Diebstahl war, und keine Rückholung, entsprechend den entstandenen Schäden bestraft werden müssten.
Im zweiten Kapitel, in dem Sieferle über die Paradoxien der Zeit schreibt, enthüllt er dann die Brillanz seiner Gedanken, die wie ein Gewitter über den Leser herziehen, die ihm Angst machen, aber auch Lichtblicke ermöglichen, in denen er emotional Empfundenes in Worte gefasst wiederfindet, die er selbst niemals gesprochen oder geschrieben hätte. Für mich besonders erhellend war der Diskurs über Wissenschaft und Avantgarde.

„Die Funktion der Geisteswissenschaften besteht also darin, die Imagination an die Kette der Tradition zu legen. Durch methodische Kritik wird die intellektuelle Innovation auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, werden Sprengsätze entschärft und wird alles auf das rechte Maß gestutzt.“ (Seite 40)

Sieferle kritisiert, dass Geisteswissenschaften „an die Kette gelegt wurden“, was nach den Bologna-Reformen in meinen Augen eine nachvollziehbare Ansicht ist. Ist doch eine deutliche Ent-Intellektualisierung der universitären Bildung zu beobachten. Produziert werden für den Arbeits- oder gesellschaftlichen Prozess optimierte Schulkinder, die zum größten Teil versuchen stromliniengerecht durch den verschulten Universitätsprozess zu gleiten.

Im nächsten Unterkapitel erklärt er, wie im Westen „System“ die „Politik“ ablöste. Politik war etwas, das „Programme, Werte und Ziele“ hatte. „Gefordert sind Tugenden und Einsätze, die sich auf ein übergeordnetes Ganzes richten“. Und was spätestens seit den auf Lügen basierenden Kriegen gegen Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien von den Menschen empfunden wurde, fasste der Autor in folgende Worte:

„Ultima Ratio der Politik ist der Krieg: die Bereitschaft zur Selbsthingabe des Individuums für eine höhere Sache, für eine Gemeinschaft, zum Opfertod“ (Seite 40)

Krieg diente nach diesen Worten also früher einem vermeintlich höheren Ziel. Aber nach Sieferle wird im Westen Politik heute durch das „System“, ersetzt, das er definiert als

„Eigenschaft neu heraufziehender Ordnungen von höherer Komplexität, welche die Politik sukzessive verdrängen. Systeme organisieren sich ohne Werte, Ziele und Programme. Ihre einzige Maxime lautet: Freiheit und Emanzipation für die Individuen, Tugend und Opfer sind Anachronismen, Kriege bloße Konfliktkatastrophen…“  (Seite 41)

Im Westen wird Politik, so Sieferle, werden also Tugenden, Einsätze die sich auf ein übergeordnetes Ganzes richten, als Anachronismus gesehen, der sich in anderen Ländern noch starrsinnig hält.
Allerdings wird der Allgemeinheit doch auch heute noch vorgegaukelt, dass es bei den Kriegen, seien es Wirtschaftskriege, Cyber-Wars oder heiße Kriege, immer um hehre Ziele wie Freiheit, Demokratie und Schutz von angeblich oder tatsächlich gequälten Individuen geht. Was sonst sind die gesellschaftliche Akzeptanz der größten Kriegsverbrechen des Jahrtausends, des Angriffskriegs gegen den Irak, oder die Invasion Afghanistans, die Bombardierung Libyens oder die Unterstützung von Terrorismus in Syrien?

Der Autor stellt sodann fest, dass seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert die Führer der Arbeiterbewegung fast alle „zugleich Theoretiker“ waren, die „Schritt für Schritt ihre Absichten literarisch reflektieren (und intellektuellen Methoden gegenüber offen sind)“. In dieser Zeit gehörte es zum guten Ruf eines Potentaten, auch gleichzeitig ein großer Theoretiker zu sein, egal wie zweifelhaft seine Elaborate waren.  In der „nachpolitischen“ Zeit hätte dieser Spuk aufgehört. Bei den Büchern heutiger Politiker handele es sich „durchweg um den dritten Aufguss breitgewalzter Akademiethemen“.  Die Politik demonstriere auch hierdurch, dass sie „keinen Anspruch auf ‚Programmatik‘ mehr erheben kann“.

„Die noch immer fleißig produzierten Programme werden auf das Niveau des Kultur-Geschwätzes verwiesen, wo sie nichts mehr ‚bewegen‘.“ (Seite 44)

Damit kritisiert er die Verflachung und Beliebigkeit von Programmen, die im Zweifel eine Interpretation in alle Richtungen offen lassen, oder leicht einem „Koalitionszwang“ oder politischem Pragmatismus geopfert werden können.
Wundert man sich nun, dass unser Establishment dieses Buch ablehnt, selbst wenn es hier enden würde? Wie hätte man aber die endlose Abfolge von Talk-Shows mit immer gleichen Gästen besser beschreiben können? Nur kommt nun eine Schlussfolgerung, die ich nicht teile: „Auch dies ist eine wohltätige Errungenschaft der Demokratie“. Erstens lässt er den Begriff „Demokratie“ unerklärt stehen, zweitens halte ich es nicht für eine wohltätige, sondern zweifelhafte Errungenschaft, wenn politische Auseinandersetzung zu einem in Sekunden bemessenen „Gladiatorenkampf“ verkommen, mit dem Ziel der Unterhaltung statt Aufklärung.

MODERNISIERUNG

Dankenswerterweise nimmt sich Sieferle dann der populären Meinung der Modernisierungstheorie an, nach der technische Rationalität, industrielle Entwicklung und liberal-demokratische Prinzipien eine notwendige Einheit bilden würden.  Er stellt dieser These die Entwicklung in Asien, speziell in Japan gegenüber, die eine „Kombination von technisch-industrieller Hypermoderne mit nationaler Gemeinwohlorientierung und antiemanzipatorischem Kollektivismus“ darstellt. Er sagt daher eine evolutionäre Konstellation voraus:

„Auf der einen Seite der Westen (jetzt einschließlich Deutschlands), der über keine normativen Reserven im Sinne der Gemeinwohlorientierung mehr verfügt, sondern das Programm des atomistisch-individualistischen Universalismus bis in die letzte Konsequenz hinein verfolgt und auch verfolgen muss. (…) Auf der anderen Seite der ‚Osten‘, der auf der Basis weitgehend intakter Familienstrukturen und Gruppenloyalitäten gleichwohl technische und marktwirtschaftlich-ökonomische Rationalität entfaltet.“  (Seite 45)

Während der „Osten“ also noch Gruppenloyalitäten aufweist, wie er meint, wäre der Westen vollständig individualisiert, wären wir zum globalisierten Konsumenten mutiert, würde man den Gedanken weiter spinnen. Allerdings löst er hier nicht den Widerspruch zu seiner Kritik des „Sozialdemokratismus“ auf, der nach seiner Definition eigentlich auch eine Art von Gruppenloyalität darstellt.

Mit über 10 Jahren Asienerfahrung und einer asiatischen Ehefrau gebe ich Sieferle teilweise Recht. Aber er fokussiert sich zu sehr, was bei 104 Seiten auch kein Wunder ist, und vergisst die Nachteile der asiatischen ‚Gemeinwohlorientierung‘. Vielleicht mit Ausnahme von Vietnam und evtl. China geht sie einher mit dem unbedingten Glauben an eine Hierarchie. Dies wiederum hemmt Innovation und Weiterentwicklung.

Sieferle sieht noch keinen Ausgang im Wettstreit zwischen den beiden Systemen, aber er ist sicher, dass „Deutschland in ihm keine prägende Rolle mehr spielen wird“. Dem muss man zweifellos zustimmen und feststellen, dass antideutsche Strömungen es geschafft haben, Deutschland zu einem bedingungslosen Vasallen des Welthegemons zu machen, der sich in Form des US-Establishments manifestiert.

Auf Seite 47 erklärt der Autor, warum das nicht erwähnte Sprichwort „Die Geschichte wiederholt sich nicht“ zutreffend ist, denn „sollte es [...] eine Wiederkehr des Gleichen geben, so wäre sie von einem einmaligen Geschehen nicht zu unterscheiden“. Er stellt am Schluss fest, dass das Problem der Wiederkehr des Gleichen sich zu einem bloßen Gedankenspiel auflöst.

Dann beginnt er seine grundlegende Kritik der derzeitigen westlichen Lebensart. Unter der Überschrift „Tierliebe“ geht es aber eigentlich um Hass – Hass auf Missratene, auf Andere. Darauf folgen Sieferles Auslassungen über die sensualistische Strategie. Hier arbeitet er heraus, wie in der Antike die Herrschaft des Geistes über den Körper später als „Lustfeindlichkeit“, die eigentlich auch „Schmerzfeindlichkeit“ ist, verleumdet wurde. Er weist darauf hin, wie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert das Prinzip „Freiheit wird gewonnen, wenn man sich der Zwänge der Natur entledigt“ entwertet, ja in sein Gegenteil verkehrt wurde.

„Diese Strategie der Sinnlichkeit im Namen der Jugend, der Gesundheit, der Fitneß verspricht ein Glück hic et nunc…“ (Seite 51)

Mit dem Zitat kritisiert er Jugendwahn und Fitnesswelle, ohne ausreichend zu berücksichtigen, dass es eigentlich nur Zeiterscheinungen, Wellen sind, keine grundsätzlichen Lebens- oder Sinnziele, dass die Veränderungen, die durch Digitalisierung und Internet zu beobachten sind, wesentlich gravierendere Auswirkungen haben werden. Aber wer möchte ihm da unter dem Eindruck von Talentwettbewerben, Next-Top-Model-Wettbewerben, Narzissmuswettbewerben im Dschungel oder Container, ständigen Party-Ankündigungen in Radiosendern, Fitnesswellen und Schlankheitswahn, wer möchte ihm da widersprechen?

Schließlich bedauert der Autor das Verschwinden der „Kulturlandschaft“, also einer von Individualität geprägten, dem Menschen untertan gemachten Welt zur Produktion der für ihn überlebensnotwendigen Mittel. Das Verschwinden der Kulturlandschaft endet nach Sieferle schließlich im Verschwinden des „Menschen“.

„Der „Mensch“ im alten Sinn ist bereits verschwunden, und er hat die Räume mitgenommen, in denen er gelebt hatte und die auf seine individuell-familiären Dimensionen zugeschnitten waren.“ (Seite 54).

Aus einer Kulturlandschaft wurden also seiner Meinung nach beliebig austauschbare landwirtschaftliche Industrieflächen. Die Aussage kumuliert dann  in einer fundamentalen Kritik der heutigen Konsumwelt:

„Seine ‚Erfahrungen‘ [die des entindividualisierten Menschen] sind so beliebig und in Massen produziert wie die Waren, mit denen er sich umgibt. Er hängt in einem umfassenden Netz, dessen Zuckungen er weiterleitet. Sich mit ihm zu beschäftigen ist so aufregend wie die Betrachtung einer amerikanischen Fernsehserie und so überraschend wie der Geschmack eines EG-Apfels.“ (Seite 55)

Das Zitat fasst die Globalisierungskritik von Vielen in Worte, kritisiert globalisierte industrialisierte Gleichmacherei, die späten, ins extreme gesteigerte Folgen der Industrialisierung des 20. Jahrhunderts. 

Was ich an dieser Stelle vermisse, ist ein Eingehen auf die Widersprüche zwischen Individualisierung, Egoismus als Lebensziel, der Erosion historischer Bindungen einerseits und konsumtiver Entindividualisierung andererseits.  Allerdings beschreibt er den Verlust der Bedeutung der Familie als Beispiel, als Vorbote des Verlustes jedweder Existenz. Demnach wäre „der reale Untergang der Welt, (…) nur noch eine exoterische Frage.“ 

Während Nietzsche vom Volk als Schafherde sprach, will der Autor nur noch das Bild eines Hühnervolkes gelten lassen, bei dem die rasche Bereitschaft zur Furchtsamkeit prägender Eindruck ist. Worauf er Kunst als Akt charismatischer Herrschaftsausübung definiert. Was historisch zutreffen mag, sieht man die Rolle der Kunst in der Vergangenheit, was aber m.E. in Hinsicht auf Gegenwart und Zukunft hinterfragt werden muss.

MYTHOS VB

Der vielleicht wichtigste Vorwurf, den ich als Reaktion auf meine Rezension hörte, lautete, dass ich zu wenig auf den Vorwurf eingegangen wäre, mit „Mythos Ausschwitz“ hätte der Autor Sieferle den Holocaust geleugnet.

Der Begriff „Mythos“ wird je nach Nachschlagewerk unterschiedlich interpretiert. Je nachdem ob man Duden, Wikipedia oder die Encyclopedia Britannica konsultiert, kommen unterschiedliche Dinge dabei heraus. Sieferle hat den Begriff aber selbst definiert. Und ich muss ihm zubilligen, das tun zu dürfen. Und nachdem ich seine Definition des „Mythos“ gelesen hatte, war ich nicht darauf gekommen, dass er den Holocaust leugnen wollte.

"Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Er braucht sich nicht zu rechtfertigen, im Gegenteil: Bereits die Spur des Zweifels, die in der Relativierung liegt, bedeutet einen ernsten Verstoß gegen das in schützende Tabu. Hat man nicht gar die "Auschwitzlüge" als eine Art Gotteslästerung mit Strafe bedroht? Steht hinter dem Pochen auf die "Unvergleichlichkeit" nicht die alte Frucht jeder offenbarten Wahrheit, dass sie verloren ist, sobald sie sich auf das aufklärerische Geschäft des historischen Vergleichs und der Rechtfertigung einlässt? "Auschwitz ist zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden." (Seite 63)

Mit keinem Wort leugnet er die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen von Auschwitz, sondern schon im zweiten Satz sagt er ausdrücklich, das nach seiner Definition dieser Mythos eine Wahrheit ist, die jenseits der Diskussion steht. Da Sieferle außerdem nicht im Konjunktiv, sondern Indikativ schrieb, ist damit m.E. eindeutig zu erkennen, dass er Auschwitz NICHT leugnet. Er beschreibt lediglich wie er "Auschwitz" einordnet. Anschließend lässt er sich über "Schuld" aus, was aber ein anderes Thema als das Leugnen von Auschwitz darstellt, nämlich eine intellektuelle Diskussion des Schuldbegriffes ist. Schuld, Buße, Gnade und Liebe werden von ihm in Zusammenhang gebracht.

War das Buch bis zu diesem Kapitel die Klage eines alt gewordenen Intellektuellen über die geistige und kulturelle Verflachung und Gleichschaltung der Gesellschaft, begibt er sich nun auf den sensiblen Bereich der deutschen „Erbsünde“. Zu Recht stellt er fest, dass man selbst Götter kritisieren oder beleidigen darf, dass Nacktheit kein Tabu ist, „Kritik an Juden dagegen muss auf sorgfältigste Weise in die Versicherung eingepackt werden, es handle sich dabei keineswegs um Antisemitismus“. ( …) ‚Auschwitz‘ ist zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden.“ (Seiten 63/64)
Sieferle definiert dann den Begriff Schuld und die reinigenden Rituale. Er beschreibt die Kollektivschuld neben der individuellen Schuld des Verbrechers. Diese soll nicht den Täter eliminieren. „Es handelt sich um eine Schuld von metaphysischen Dimensionen, die nur verständlich wird, wenn man sie in das Licht der älteren Figur der Erbsünde stellt.“ Schuld, Buße, Gnade und Liebe sind demnach untrennbar verbunden. Allerdings stellt er fest, dass aus der Kollektivschuld der Deutschen, die auf Auschwitz folgte, zwar der Aufruf zu permanenter Buße folgte, jedoch das Element der Gnade und Liebe vollständig fehlte. Denn es handelte sich um eine säkulare Form der Erbsünde. Der Deutsche ähnelt daher seiner Meinung nach nicht einem aus dem Paradies vertriebenen erbsündigen Menschen, sondern dem Teufel, dessen Schuld niemals vergeben wird und der für ewig in der Finsternis zu bleiben verurteilt ist. Mit anderen Worten: Der Teufel vs. Gott, Yin und Yang, sie benötigen sich gegenseitig.

War bis Auschwitz „der Jude“ mit der Erbschuld der Nichtanerkennung durch Jesus Christus als Erlöser aus christlicher Sicht belegt, wurde er ersetzt durch den säkularisierten Teufel einer aufgeklärten Gegenwart, den Deutschen, oder zumindest den Nazi.

„Die Welt braucht offenbar Juden oder Deutsche, um sich ihrer moralischen Qualitäten sicher zu sein. Allerdings gibt es in einer Hinsicht einen gewaltigen Unterschied: Die Juden teilten selbst nicht die Bewertung, die ihnen seitens der Christenheit widerfuhr, während die Deutschen die ersten sind, ihre unauflösliche Schuld zuzugeben - wenn dies auch gewöhnlich in der Weise geschieht,  dass derjenige, welcher von der Schuld oder ‚Verantwortung‘ der Deutschen spricht, sich selbst zugleich von dieser reinigt, da die Anerkennung der Schuld immer nur mit Blick auf die Verstockten, d.h. die anderen ausgesprochen wird. Die Schuld Adams wurde heilsgeschichtlich vom Opfertod Christi aufgehoben. Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurde von diesen selbst nicht anerkannt. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld anerkennen, müssen dagegen von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden, müssen zum immerwährenden Mythos werden, um ihre Schuld zu sühnen. Der ewige Nazi wird als Wiedergänger seiner Verbrechen noch lange die Trivialmythologie einer postreligiösen Welt zieren. Die Erde aber wird von diesem Schandfleck erst dann gereinigt werden, wenn die Deutschen vollständig verschwunden, d.h. zu abstrakten ‚Menschen‘ geworden sind. Aber vielleicht braucht die Welt dann andere Juden.“ (Seite 69)

Sieferle kritisiert in diesem Absatz die Tatsache, dass die Verbrechen Nazi-Deutschlands ins quasi-religiöse gesteigert werden. Da haben wir den Salat. Sofort werden alle Kritiker aufschreien und von einer versuchten Relativierung der Verbrechen Deutschlands reden, von einer Umdefinition des Täters zum Opfer. Es gibt offensichtlich für jedes andere noch so große Verbrechen die unausgesprochene Erlaubnis, intellektuell neutralisierend darüber zu diskutieren. Nur eben nicht über die deutsche „Erbschuld“. Aber gerade durch die Einhelligkeit des Aufschreis werden die folgenden Ausführungen des Autors bestätigt. Die Art und Weise, wie in Deutschland Vergangenheitsbewältigung zelebriert wird, „durch das erste Gebot: Du sollt keinen Holocaust neben mir haben“, trägt nach seiner Meinung veritable Züge einer Staatsreligion.

„Die Größe der Schuld seiner Erzväter hat es [das deutsche Volk] für immer aus dem normalen Gang der Geschichte herausgehoben. In dieser Schuldhaftigkeit ist es einzig unter den Völkern, da seine Verbrechen von einzigartiger Größe waren.“ (Seite 71)

Sieferle beschreibt, dass, da die Verbrechen Deutschlands von einzigartiger Größe waren, eine Erbschuld entstand, die das deutsche Volk für immer stigmatisierte.

Am Beispiel des Rücktritts von Philipp Jenniger beschreibt er, was passiert, wenn man der Ketzerei verdächtigt wird bzw. wenn die Zuhörer intellektuell nicht in der Lage sind, einer akademischen Vorlesung zu folgen, möglicherweise weil sie eine der üblichen Predigten erwarteten. Es dürfte ihm klar gewesen sein, dass ihm das gleiche Schicksal widerfahren wird. Sieferle geht so weit zu hinterfragen, ob es überhaupt „Leugner, Verdränger, Relativierer, also diejenigen, die (in heilloser Tradition zu einem Verfahren, das einst ‚Aufklärung‘ hieß) an dem Mythos kratzen...“ gebe. Was ihn dazu bewogen hat, zu fragen, ob diese nicht nur Erfindung der Orthodoxie sein könnten, bleibt jedoch im Dunkeln.

Sieferle greift die Absurdität einer „Erbschuld“ auf, die dem Verbrechervolk gegenüber anderen Völkern eine Unvergesslichkeit zukommen lässt, eine der profanen Geschichte entrückte Unvergänglichkeit.

„Die Christenheit hatte ihrem ermordeten Gott in jeder Stadt Kathedralen gebaut, welche noch heute, lange nachdem dieser Glaube unverständlich geworden ist, das Staunen derer erregt, die sie als Touristen begaffen. Die Juden, denen ihr Gott selbst die Ewigkeit zugesichert hat, bauen heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird. Nachdem das reale Deutschland untergegangen ist, bleibt es als Mythos dauerhaft erhalten. Die Fellachen aber, die heute in den Ruinen seiner Städte ihren Geschäften nachgehen, konnten gerade dadurch in die Geschichtslosigkeit versetzt werden, welche Basis ihres pragmatischen Erfolgs ist. Hier zahlt sich die Abgebrühtheit aus, welche die permanente Konfrontation mit einem Mythos erzeugt: Die Menschen, welche in Deutschland leben, haben sich ebenso daran gewöhnt, mit dem Antigermanismus fertigzuwerden, wie die Juden lernen mussten, mit dem Antisemitismus zurechtzukommen.“ (Seite 77)

Hier wird endgültig Sieferle als Kulturpessimist mit aristokratischem Anspruch deutlich. Er spielt auf die „Fellachen“ vom brillanten Oswald Spengler an, vorenthält allerdings dem „normalen“ Leser den Sinn der Erwähnung. Im „Untergang des Abendlandes“ schreibt dieser über sich selbst auflösende Zivilisationen:

Auf dieser Stufe beginnt in allen Zivilisationen das mehrhundertjährige Stadium einer entsetzlichen Entvölkerung. Die ganze Pyramide des kulturfähigen Menschentums verschwindet. Sie wird von der Spitze herab abgebaut, zuerst die Weltstädte, dann die Provinzstädte, endlich das Land, das durch die über alles Maß anwachsende Landflucht seiner besten Bevölkerung eine Zeitlang das Leerwerden der Städte verzögert. Nur das primitive Blut bleibt zuletzt übrig, aber seiner starken und zukunftreichen Elemente beraubt. Es entsteht der Typus des Fellachen.

Deshalb finden wir auch in diesen Zivilisationen schon früh die verödeten Provinzstädte und am Ausgang der Entwicklung die leerstehenden Riesenstädte, in deren Steinmassen eine kleine Fellachenbevölkerung nicht anders haust als die Menschen der Steinzeit in Höhlen und Pfahlbauten.

Bis hierhin kann man Sieferle vorwerfen, christlich begründete Mythen als Ursprung des Antisemitismus und industrielle Massenmorde des Nazi-Regimes gleichwertig nebeneinander gestellt zu haben. Jedoch geht es ihm ja nicht um die Taten selbst, sondern um ihre Folgen. Also betrachten wir, was er als Lehre aus Auschwitz zieht:

„Die einzige reale Hinterlassenschaft der Aufklärung ist die Technik – und diese geht daran, sich ihre Naturbasis zu entziehen. Die Geschichte der Projekte des 18. und 19. Jahrhunderts ist dann die eines totalen Scheiterns, das im 20. Jahrhundert offenbar wurde: Moralisch vom Weltkrieg bis zu Auschwitz, technisch-ökonomisch in der Umweltkrise des ausgehenden Jahrhunderts.“ (Seiten 78/79)

Für Sieferle bleibt von der Aufklärung also nur die Technik übrig. Denn vom Weltkrieg über Auschwitz bis zur Umweltkrise zeigt sich das Fehlen der moralischen und ethischen Grundlagen der Aufklärung.

Ich würde sogar noch weiter gehen. Angesichts von Kernwaffen, die bewusst über zivilen Städten gezündet wurden, von Millionen Toten auf Grund von Kriegen alleine der USA seit dem 2. Weltkrieg, neokolonialer Ausbeutung, angesichts Millionen Hungertoter, die alleine durch Verzicht auf die Entwicklung eines Kampfjets der 5. Generation hätten verhindert werden können, kann niemand behaupten, dass der Geist der Aufklärung wirklich noch existieren würde. Sieferle wagte es, die ausgetretenen Pfade der Auschwitz-Traditionen zu verlassen und über die Erbschuld Deutschlands hinauszublicken. Mit keinem Wort hat Sieferle die Verbrechen relativiert. Aber er wagt es, die Verbrechen Nazi-Deutschlands in einen weiteren Kontext zu stellen. Und dies wiederum wird ihm als Relativierung angerechnet werden.

ANTIFASCHISMUS

Der Autor zeigt aber auch auf, wie man sich von dem Verbrechen reinwaschen kann. Man muss sich nur „Antifaschist“ nennen, und schon ist man auf der moralisch legitimierten und gereinigten Seite der Geschichte. Er stellt fest, dass viele Ideologien des 20. Jahrhunderts verschwanden, nur noch „das fadenscheinige Banner des Antifaschismus übrigblieb“, wodurch dieser eine paradoxe Struktur erhielt. Nun hatte ich zunächst geglaubt, er meine mit dem Wort „fadenscheinig“ die heuchlerische, sich selbst widersprechende Unterstützung von Nazismus in der Ukraine einerseits und andererseits die Bekämpfung des Neonazismus in Deutschland durch die Gesellschaft, insbesondere aber durch das Establishment. Aber er argumentiert losgelöst von Ereignissen.

„Wer ‚Auschwitz‘ relativiert, relativiert die totale Unmenschlichkeit und somit die Integrität des Menschen. Damit würde aber das einzig Absolute, welches die moderne Gesellschaft, die von Relativismen und Perspektivismen aller Art zerfressen ist, besitzen könnte, ebenfalls relativiert. Die Festschreibung des Auschwitz-Mythos kann daher als Versuch verstanden werden, einer skeptischen Welt Gewissheiten zurückzugeben.“ (Seite 82)

Sieferle erklärt damit, dass „Auschwitz“ etwas ist, an das man sich halten kann, das es unnötig macht, über  Relativierungen anderer Verbrechen nachzudenken. Eine neue Religion entsteht, stellt er wiederholt fest. So wie ich bereits feststellte, dass nach christlich  begründeten Kreuzzügen nun die Bombardierung im Dienste der „Demokratie“ folgte, argumentiert Sieferle auf einem höheren intellektuellen Niveau, wenn er schreibt:

„Die sich zurzeit formierende neue Religion der Menschheit (deren rationale Begründung seit der Aufklärungszeit niemals gelungen ist) kann sich auf ein festes Fundament historischer Tatsachen stellen und daraus direkte politische Konsequenzen ableiten. Eine wichtige programmatische Forderung zielt auf die ‚multikulturelle Gesellschaft‘. Dieses Konzept ist allerdings selbst ambivalent.“ (Seite 83)

Die neue Forderung, die aus der neuen „Religion“ entstand, ist die nach einer „multikulturellen Gesellschaft“, schreibt der Autor, und bezeichnet das Konzept als widersprüchlich.
Die „Ambivalenz“ ergibt sich nach seinen Überlegungen daraus, dass einerseits die kulturelle und materielle Homogenisierung der Menschheit das Ziel ist (Universalismus), andererseits sollen indigene Völker zugunsten anderer, eingewanderter Volksgruppen auf spezifische Identitäten verzichten, damit in einer „multikulturellen Welt“ die Bewahrung völkisch-kultureller Besonderheiten möglich ist (Relativismus). Am Ende des Kapitels erklärt Sieferle, dass es eine letzte, paradoxe Konsequenz aus der Situation gibt:

„Das Projekt einer homogenen Menschheit wird so lange nicht verwirklicht werden, wie es nicht gelingt, die beiden hartnäckigsten Restposten völkischer Besonderheit ebenfalls zu assimilieren und damit zu eliminieren. Der Assimilation der Deutschen und Juden, ihrer Auflösung in bloße ‚menschliche Individuen‘, steht jedoch die historische Struktur des Auschwitz-Mythos entgegen, dessen Kern ja gerade in der Rebellion des Besonderen gegen das Allgemeine liegt.“ (Seite 86)

Mit anderen Worten würde aber die Auslöschung deutscher und jüdischer Besonderheiten der Wirkung der Geschichte durch Auschwitz für die Zukunft entgegenstehen. .
In diesem Kapitel finde ich die Gedanken zu sehr auf Deutschland fokussiert.  Die Entwicklungen in den „Herausforderländern“, den BRICS-Staaten z.B. oder die retrograde Philosophie muslimischer Einwanderer und die daraus resultierende Gegenbewegung  werden nicht beleuchtet. M.E. wird die Idee der erwarteten Homogenisierung der Menschheit mit dem Imperium USA untergehen. Und es werden wieder neue Ideologien auftauchen, alte reformiert werden, die letztendlich jene Linie wieder betonen werden, die ausgerechnet durch die Komintern 1941 ausgesprochen worden waren:

„Man muss die Idee einer Verbindung von gesundem und richtig verstandenem Nationalismus mit dem proletarischen Internationalismus entwickeln. Der proletarische Internationalismus muss sich auf diesen Nationalismus in den einzelnen Staaten stützen, (weil es) zwischen einem richtig verstandenen Nationalismus und dem proletarischen Internationalismus keinen Widerspruch gibt und geben kann. Ein heimatloser Kosmopolitismus, der nationale Gefühle, die Idee der Heimat negiert, hat mit dem proletarischen Internationalismus nichts gemein…“ (Dimitroff, Georgi, 2000, Tagebücher 1933-143, hsg. von Bernhard H. Bayerlein und Wladislaw Hedeler, Aufbau, Berlin, Seite 387)

Man ersetze „proletarischen Internationalismus“ durch „demokratischen Internationalismus“ und wird m.E. die Lösung einer zukünftigen multipolaren Welt erkennen. Damit hatten die Kommunisten, denen die erste Bestrebung eines „internationalen Menschen“ nachgesagt wird, schon früh erkannt, dass die „Homogenisierung“ der Menschheit keine Zukunft hat.
Im letzten Kapitel wird Sieferle noch fragmentierter, grundsätzlich philosophisch, und Gründe für seinen Suizid scheinen durchzuschimmern, wenn er schreibt:

„Die moderne Wirklichkeit ist abstoßend, misst man sie an den ästhetischen Normen tradierter Hochkulturen – sie ist vulgär, geschmacklos, laut, gierig, desorientiert, grausam, oberflächlich, unappetitlich, widerwärtig und selbstzerstörerisch. (…) Der Relativismus entwickelt einen Sog, dem sich nichts, was in die Nähe dieses verzehrenden Strudels gerät, entziehen kann.“ (Seite 87/88)

Der Absatz spiegelt eine grundsätzliche Ablehnung der gegenwärtig von Sieferle für sich erkannte Entwicklung, den Kulturpessimismus eines enttäuschten Intellektuellen höchsten Grades.
An dieser Stelle will ich schließen, obwohl noch viele Fragmente einer grundsätzlichen Zivilisationskritik zu erwähnen wären.

FAZIT

Am Ende des Buches muss ich feststellen, dass es anscheinend vollkommen überbewertet wird. Ein Buch, das viel weniger Menschen gelesen hätten, das einem rechtsgerichteten Verlag wesentlich weniger Profit beschert hätte, wäre es nicht zensiert worden. Ist der Streisand-Effekt bei der intellektuellen Elite des Spiegels in Vergessenheit geraten?

Sieferle hat mit dem Buch seinen grundlegenden Kulturpessimismus zum Ausdruck gebracht. Es wirkt wie die Begründung für seinen Suizid, geschrieben in erster Linie für sich selbst. Und für einen nachdenklichen Leser ergeben sich zahlreiche Anlässe, Verständnis für seinen Pessimismus aufzubringen.

Mein Fazit ist, dass der Autor, sieht man nur dieses Buch, keineswegs ein so genannter „Neurechter“ oder Neonazi ist. Wer als Kritiker seine Thesen in dieser Richtung interpretiert, bestätigt die Grundsatzkritik Sieferles am fehlenden Intellektualismus in der heutigen Elite, und seine Feststellung einer neuen Staatsreligion, die auf der „Erbsünde“ der Deutschen basiert. Einer Religion, über die nicht diskutiert, die nicht intellektuell hinterfragt werden darf und die sich wie fast jede Religion absolutistisch darstellt.

Natürlich werden neue Nationalsozialisten oder deren Surrogate gerne am Nektar des Intellekts von Sieferle schlürfen, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. Aber wer aus diesem Grund sein Buch vor dem „unwissenden, dummen Leser“ verbergen will, gehört eben zu jener Elite, die Sieferle so verabscheut, und nicht nur er.

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